Zossen war doch eine Reise wert!

 

Was kann einen Brandenburger dazu bewegen nach Zossen zu fahren, wenn ihn nicht triftige Gründe dazu zwingen. Ich wohne nun seit 48 Jahren in unserer Stadt, der sogenannten „Wiege der Mark“ und hatte bisher nicht das Bedürfnis, dorthin zu fahren, obwohl mir der Name der Stadt  natürlich gut bekannt  war. Also welchen  Grund  gab es jetzt am 3.9.2020 dafür?                                                                   Als ich das Vorhaben meiner Frau eröffnete, bestärkte sie mich sofort in meiner Absicht für eine Spritztour. Es war schönes Spätsommerwetter und die inzwischen erlangte Erkenntnis, dass am 28. August 1896 die erste Fernfahrt  „Rund um Berlin“, das älteste deutsche Straßenradrennen, in dieser Kleinstadt  in den frühen Morgenstunden um 3:30 Uhr gestartet worden ist. Sie führte über gut 318 km im weiten Bogen um Berlin über „Stock und Stein“. 48 der hartgesottensten Radrennfahrer jener Zeit stellten sich mit ihren einfachen Maschinen ohne Gangschaltung dem Starter, darunter der aus Brandenburg stammende Tischler, Gustav Gräben. Als maximal erlaubte Fahrzeit waren 16 Std. vorgeben, welche wegen der schlechten Wegeverhältnisse auf 17 ½ Std. erhöht wurde. Damit kam man in den Genuss der Preiswertung.                                                                                      

Beflügelt wurde unser ad hoc-Unternehmen durch die Information, dass der „Rad-Club Berlin-Brandenburg – Freundeskreis ehemaliger Radrenner“ mit dem rührigen Radsportförderer, Werner Ruttkus, im Jahre 2019 an der Stelle, die mit dem Kilometerstein 1 markant gekennzeichnet ist, zur Erinnerung an dieses Ereignis eine Gedenktafel aufgestellt hat, auf der nähere Informationen zum Rennen, dem Streckenverlauf und ein Bild des ersten Siegers ersichtlich sind. Kein Geringerer, als der zweifache Amateurstraßenweltmeister und Friedensfahrtsieger, Gustav-Adolf „Täve“ Schur, nahm die Enthüllung der Tafel vor.                                                                                                                            Leider hatte ich im Übereifer vergessen, mich vorher gut zu informieren, wo die Gedenktafel genau steht. In der Hoffnung, dass der Start an einer Ausfallstraße nach Berlin stattgefunden haben müsse, suchte ich diese Punkte ab, ohne Ergebnis. Bei der Befragung von Passanten nach einer mittäglichen Stärkung am Marktplatz erhielt ich  meistens Achselzucken auf die Frage, wo die Gedenktafel stehen könnte, aber auch einige erfolgversprechenden Hinweise, die sich schließlich doch als falsch erwiesen. Jedenfalls kennen wir Zossen jetzt  recht gut.                                                                              

Erst als ich den Besitzer eines Fahrradladens fragte, wurde die Spur heiß. Er wusste zwar auch nicht ganz genau, wo die Tafel stehen würde, machte aber dann genau das Richtige: Er googelte! Nun erfuhren wir von der Gerichtsstraße als Standort. Mit eingestelltem Navi waren wir bald dort. Da diese Straße aber einige hundert Meter lang ist und ich  die Größe dieser Tafel nicht kannte, ging es mir so wie bei einem Besuch in Kopenhagen mit der „Kleinen Meerjungfrau“, die ich lange suchen musste, bevor ich die kleine wundervolle Plastik fand. Auf Bildern erschien sie mir immer viel größer. Ohne fündig zu werden fuhren wir schließlich etwas betrübt die Straße in Richtung Telz und zurück und hielten dann fast desillusioniert in einer angrenzenden Seitenstraße. Ein Passant, den ich befragte, lachte herzlich und schickte uns 30 m weiter um die Ecke, wie diese schöne, solide gefertigte Erinnerungstafel stand und steht.Wir hatten sie also nicht gefunden, sondern sie hatte uns gefunden!

Ein kleiner Abstecher nach Wünsdorf rundete den schönen Tag ab.            

 

Zu dem Tafeltext noch einige Hintergrundinformationen:

  1. Ernst Louis war  ab 1899 2. Vorsitzender des Brandenburger Radfahrer-Verein von 1884 und arbeitete als leitender Ingenieur in den Brennerborwerken in Brandenburg. Nach 1900 wird er als Direktor E. Louis vom Verein für Radfahrwege Brandenburg erwähnt, als er als Festredner bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung von Radwegen z.B. nach Plaue auftrat.
  2. Ernst Louis wird auf der Tafel als Vorsitzender des R-V. Germania Berlin genannt. Der erfolgreiche Berliner Radrennfahrer des Vereins, Kaufmann Johannes Pundt, wechselte auch nach Brandenburg und wurde Mitglied des o.g. ältesten Radfahrer-Vereins unserer Stadt.
  3. Harry Saager und Karl Wiemer fuhren und siegten bei Bahn- und Straßenrennen in Brandenburg a.d.Havel bis 1944. Vielleicht schützten  ihre leistungssportlichen Erfolge sie vor dem Fronteinsatz?

 

Es folgen noch Kopien zum Thema aus dem "Radsportler" und einige private Fotos von der Gedenktafel, deren Inhalt auf die Sammlung von Herrn Werner Ruttkus zurückgeht.