Das Radfahren – wie dachten die Ärzte darüber in den  Anfangsjahren um 1900

Immer wenn es größere Veränderungen in der Lebensweise der Menschen gab, haben sich erwartungsgemäß auch Ärzte wissenschaftlich mit den möglichen negativen oder positiven Auswirkungen auf den menschlichen Körper bezüglich der Gesundheit dazu geäußert. Dabei betrachtete man sowohl die eigene Zunft, aber insbesondere den Menschen an sich als potenziellen Patienten. Man differenzierte bezüglich der unterschiedlichen biologischen Verhältnisse bei den beiden Geschlechtern. Schon bei Beginn des Eisenbahnverkehrs in den 50er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erörterte medizinische Experten den möglichen Einfluss der damaligen hohen Geschwindigkeiten von ca. 40 km/h und mehr auf die Gesundheit.                                                                                           Seit Carl Benz 1886 mit seinem Motorwagen die Grundlagen für das moderne Automobil geschaffen hatte, begann Ende jenes Jahrhunderts zunehmend die Motorisierung, welche es auch den Ärzten zunehmend erlaubte, ihre Patienten mit dem Auto aufzusuchen. Der Tenor lautete: „Sie wären dann nicht so „ausgepumpt“ von einer kräftezehrenden Anfahrt mit dem Fahrrad, könnten ruhiger überlegen und hätten eine ebenso ruhigere Hand am Patienten“. So formulierte man es für den beruflich aktiven Arzt. Während-dessen an Universitäten, angefangen von den Studenten bis hinauf zu den Professoren, zunehmend das Zweirad benutz wurde, wie 1896 aus Kopenhagen berichtet wurde. Dabei handelten sich die ersten akademischen Radfahrer oft scheele Blicke ihrer kritischen Kollegen ein, wegen des so merkwürdigen Fortbewegungsmittels!                                                                    Das Fahrrad hatte sich eigentlich erst relativ spät Bahn gebrochen, war doch das Rad an sich, als Hauptbestandteile von Ochsenkarren oder Streitwagen, schon etwa 3500 Jahre vor Christi Geburt im Zweistromland erfunden worden. Nachdem der Forstmeister Karl Freiherr von Drais im Jahre 1817 seine Laufmaschine entwickelt hatte, bei welcher man sich noch mit den Füßen abstieß, schufen 1835 Baader und 1846 Lacon in Frankreich das Tretkurbelrad mit Pedalen am Vorderrad. Das Hochrad sollte 1851 die Fahrgeschwindigkeit durch den großen Radumfang erhöhen, war aber schwieriger fahrtechnisch zu beherrschen. Michaux zeigte 1867 sein „Velociped“ auf der Weltausstellung in Paris und gründete die erste Fahrradfabrik der Welt. In England wurde schließlich durch J.K. Starley der Antrieb mittels Kette vom Kettenrad auf den Zahnkranz am Hinterrad erfunden, und der Tierarzt Dunlop steigerte den Fahrkomfort durch die Erfindung von Fahrradschlauch und –decke. Die Räder wurden dann bald aus Stahlrohr gefertigt, und der erfundene Freilauf erleichterte bei den inzwischen auf Kugeln gelagerten Laufrädern das zwischenzeitliche längere Ausrollen. Die Parallelphase mit dem Bau von Hoch- und Dreirädern war nur ein technisches Intermezzo. Mit der Konstruktion des sogenannten Diamantrahmens begann ab dem Ende der 80er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts die Massenproduktion des Fahrrades in der noch heute übliche Form mit zwei gleich großen Rädern.                                         

Aber der nun einsetzende massenhafte Fahrradverkehr hatte Konsequenzen. Der öffentliche Raum auf Wegen und Straßen wurde enger. Es kam zunehmend bei dem Gedränge und den „neuen“ Geschwindigkeiten zu nicht unerheblichen Unfällen! In den USA erhöhten 1896 Lebensversicherungen den Prämiensatz für Radfahrer wegen ihrer „gefährlichen Beschäftigung“. Auch spezialisierten sich Mediziner zu „Spezialärzten für Radfahrerkrankheiten“. Es wurde berichtet, dass auf Rädern Geschwindigkeiten von 60 km/h erreicht würden, was den damaligen Bedingungen einer Eisenbahnfahrt gleich kam. Daher diskutierte man in der „Fachwelt“ über die richtige Atemtechnik zur Verhinderung von Lungenerkrankungen und gab Ratschläge für die Haltung bei Gegenwind, die uns heute eher schmunzeln lassen. Doch überaus sinnvolle Tipps, die auch heute noch fast volle Gültigkeit für die individuelle Belastung sind: Lieber nicht zu schnell fahren, besonders am Anfang nur ein km in fünf Minuten (ca. 12 km/h). Das rechte Maß der körperlichen Belastung zeigt sich einem erst nach vollendeter Tour. „Wer ordentlich essen kann, sich allgemein wohlfühlt, kein übermäßiges Durstgefühl hat, kein unmittelbares Schlafbedürfnis zeigt und die folgende Nacht hindurch gut, ohne unruhige Träume zu haben, schläft, der hat sich nicht übernommen, gleichgültig, wie groß die Tour war (Altschul).

Die Folgen des mäßigen Radfahrens für den menschlichen Organismus schätzten die Ärzte bereits um 1900 als günstig ein. Es ist eine Heilgymnastik, die uns hinaus in die freie Luft führt. Es werden die Körpermuskeln in Tätigkeit versetzt, es wird der Geist beschäftigt und angeregt und kann sich doch zugleich von sonstiger geistiger Berufsarbeit erholen. Sicherheit der Bewe-gungen, Weckung des Selbstvertrauens wird erzielt, rasches Denken und Handeln kommt bei sonst zagenden Personen zum Vorschein (Merkel). Das Radfahren ist so gesehen also auch ein nebenwirkungsfreies Psycho-therapeutikum.                                                                                                       Die Sitzhaltung beschäftigte Internisten uns Orthopäden gleichermaßen. Durch möglichst aufrechten Sitz sollte „jede Compression der Brust- und Bauchorgane vermieden werden“. Ein guter, richtig stehender Sattel sollte im Verbund mit einer Lenkstange, deren Griffen aufwärts in die Höhe gebogenen sind diese Sitzposition erleichtern. Dieses Modell, welches wir noch heute als vor Jahren spöttisch sogenannten „Gesundheitslenker“ kennen, sollte in Höhe der Brustwarzen des Fahrers stehen. Eine Lenkstange mit geradestehenden Griffen und selbstredend die mit mehr oder weniger nach abwärts stehenden Griffen, wie sie bei den sogenannten Rennrädern in Gebrauch sind, hielt man für ungeeignet. Auch sollte der Sattel hinter der Achse des Tretlagers liegen. Seine Höhe sollte so eingestellt sein, dass die Fußsohle das Pedal voll berührt, um die größtmögliche Kraft entwickeln zu können.                                                      Bei den damaligen medizinischen Experten, welche ihre Meinung zum Thema Radfahren äußerten gab es zwei Gruppen: Theoretiker und Praktiker. Erstere hatten noch nie ein Fahrrad bestiegen, während die Vertreter der zweiten Gruppe selbst schon längere Zeit aktive Radfahrer waren (Placzek). Auch die Sattelkonstruktion war Gegenstand ausgiebiger Erörterungen. So wurde das Modell in Form einer Birne im Längsschnitt als zu schmal befunden, weil dabei das Gewicht über den langen Sattelhals nun vorwiegend auf dem Damm lastete und dadurch auf Harnröhre und Prostata drückt. Entzündungen dieser Organabschnitte könnten hervorgerufen werden. „Der Sattel soll nicht reiben und drücken, auch nicht heiß werden. Es wurde der Christysattel empfohlen, der eine durchlöcherte Decke hatte und kissengepolstert war.                                                      Kurios wurde die Diskussion, als es um die Problematik einer möglichen, bewusst in Kauf genommenen Masturbation, bei den beiden Geschlechtern ging. Zu jener Zeit waren alle Arten der Selbstbefriedigung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Gegenstand von medizinischen Dis-putationen. Es ging um Befürchtungen von negativen gesundheitlichen Fol-gen, aber natürlich wohl vor allem um Anstand, Sitte und Moral im öffentlichen Raum. Dabei standen Mädchen und Frauen, ähnlich, wie vormals bei der Disputation im Zusammenhang mit dem Reiten, als man diesen den (seitlichen) „Damensitz“ auf dem Pferderücken empfahl, besonders im Fokus. Sehr konservative Diskutanten sahen sich in den Befürchtungen bestätigt. „Es kann keinen Zweifel unterliegen, dass wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine (bessere) Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man, was vorgekommen ist, ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel in ganz besonderer Absicht mit einem gekrümmten Vorderteil versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings mit ausgespreizten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit, solchem Hange nachzugehen“ (Mendelsohn).                         

Andere relativierten diesen, besonders dem Radfahren angelasteten, vermeint-lichen Sittenverfall eher. „Im modernen Culturleben, an den Stätten der Kunst, bei der mehr oder weniger lasziven Lektüre der Modernen und bei der sanktionierten Bewegung des Tanzes sind so viel Irritamente zur Masturbation gegeben, dass es auf eines mehr kaum ankommen kann. Jedenfalls muss jedem Arzt das blühende Aussehen der Radfahrerin willkommener sein, als das zur Norm gewordene Bleichwangige unserer stubenhockenden Damenwelt“. Der Gynäkologe Flöel hatte in einer kleinen Stichprobe Damen nach möglichen sexuellen Irritationen beim Radfahren befragt, welche diese Möglichkeit für sich ausschlossen.                                                                                                        Manche Experten sahen auch bei Rad fahrenden Mädchen und Frauen die „Gefahren der Blutcongestion (Stauung) zu den Geschlechtstheilen“ (Damian). Doch, da im umliegenden Ausland der Radsport schon bei vielen Frauen verbreitet sei, in Paris wären schon an 2000 Radfahrerinnen registriert worden, dürfe man diesen in Deutschland auch nicht verbieten. Es sei eher eine ethische, als medizinische Frage (Leyden). Er habe im Engadin Engländer gesehen, welche als Paar gemeinsam auf einer besonders construierten Maschine (Tandem) in zweckmäßigen Kostümen fuhren. Für die gesunde Frau ist das Radfahren von Vorteil, konstatierten einige Vertreter der Gynäkologie. Der Menstruationszyklus werde eher günstig beeinflusst, und der Becken-boden vor Erschlaffung geschützt. Vor übermäßigem Velocipedensport“ wird von anderen allerdings gewarnt, da dieser zu schweren (Mentruations-) Blutungen führen könne. Die Damen sollten vor allem ihr Corsett ablegen und lange, faltige Röcke weglassen. Ein „getheilter Hosenrock“ wurde empfoh-len und auf dem Kopf trage man eine Mütze mit Krempe über die Stirn zum Schutz gegen die Sonne.                                                                                     

 

Männer hingegen könnten das Bein bis zum oder gar über das Knie hinaus frei tragen ohne aber den Blutfluss in selben durch einen schädigenden Gum-mi-zug zu beeinträch-tigen. Da während des Fahrens die Ma-genverdauung sis-tiere, solle man „pas-sende“ Nahrung zu sich nehmen, womit sicher leicht ver-dauliche Kost gemeint war. Alkoholgenuss während der Fahrt sei “thunlichst einzuschränken“, und auch das Rauchen wurde untersagt, außer bei ganz langsamer Fahrt. Dass besonders in- und extensives Radfahren trotz gestei-gerten Appetits zu Gewichtsverlust führt, wurde konstatiert. Die Stoff-wechselverhältnisse wurden gar verglichen mit denen bei einem gehetzten Fuchs. „Man habe nicht nur Personen, welche übermäßigem Radfahren ergeben waren, stark abmagern gesehen, sondern will selbst beobachtet haben, dass derartige Geschöpfe viel leichter Infektionskrankheiten zum Opfer fielen“ Auch hätten manche Fahrer neben den Ermüdungserscheinungen nach vollbrachter Übung oft unter „anhaltenden krampfhaften Contractionen einzelner Muskeln über längere Zeit gelitten“. Die Belastung für das Herz sei vergleichbar mit dem Treppensteigen, deshalb solle man eher eine kleinere Übersetzung des Kettenantriebes wählen (Herschel).                                       Schließlich listete Altschul eine ganze Reihe von Erkrankungen auf und empfahl das regelmäßige Radfahren bei: Disposition zu Fettherz, Zucker-harnruhr (Diabetes mellitus), Gicht, leichteren Bleichsuchtfällen von Mädchen, bei nervösem Magenerkrankungen, bei allgemeiner Ptosis (Senkung) der Eingeweide und mit chronischer Verstopfung Behafteten, da es eine mehr oder weniger bedeutende Höherstellung der über und unter dem Zwerchfelle befindlichen Organe bewirkt“.                                   

Wenn auch manche Feststellungen und ärztlichen Ratschläge der damaligen Zeit heute nach 120 Jahren etwas kurios klingen, so erstaunen doch die im Wesentlichen subtilen Gedankengänge und wegweisenden Empfehlungen einiger Vertreter der damaligen Ärzteschaft, die noch nicht auf die umfangrei-chen Laboranalysen und technischen Diagnostikverfahren von heute zurück-greifen konnten. Da der neue Trend in der individuellen Fortbewegung damals bald abertausende und Millionen von Menschen betreffen würde, empfahl man behutsam.                                                                                                           Inzwischen hat sich die Sportmedizin längst als ein anerkanntes Fach etabliert, welches sich die seit Jahrzenten zuvor gewonnenen speziellen Erkenntnisse in den medizinischen Grundlagen- und klinischen Fächern zunutze machen konn-te und enorm weiterentwickelt hat. Das Radfahren zählt nachgewiesener Ma-ßen neben dem Schwimmen und dem Wandern zu den sportlichen Betäti-gungen, die sowohl das Wohlbefinden, als auch die Gesundheit am meisten begünstigen und sogar bis in das hohe Alter durchgeführt werden kann. Nach-dem es durch die verstärkte Motorisierung der Bevölkerung nach dem 2. Welt-krieg scheinbar etwas in Vergessenheit geriet, sieht man in den letzten 20 Jahren, dank einer Vielzahl von schnittigen Modellen und neuartiger Materialien, eine starke Renaissance bei Jung und Alt.

Quelle: Dr. G. Jantzen, Waage-Grünenthal, Bd.3,1963

 

 

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