„Götterdämmerung“ am Himmel des Radfahrens und des Radsports bereits am Ende des

19. Jahrhunderts!

 

BA.,Nr.134, Mo.,11.8.1894: Anfang August 1894 lud der Münchner Heinrich Hildebrand, der mit dem Ingenieur Alois Wolfmüller einen Fahrradmotor entwickelt hat, den Dresdener Fahrradfabrikanten Schladitz nach München ein, um ihm das Gefährt vorzustellen. Die Vorführung erfolgte am Montag, 4.8.1884 auf der Radrennbahn am Schyraplatz.

Die Erfindung sei für die gesamte Fahrradindustrie von schwerwiegender Bedeutung. Die Vorführung erfolgte vor einem geladenen Kreise von Fachleuten aus Amerika, England, Oesterreich und Deutschland.

Hildebrand brachte ein *Rover-Zweirad mit kleineren Rädern ausgeführt. Am diesem war ein schmaler schwacher Kasten angebracht.

Er schob das Zweirad 2-3 Schritte schnell vorwärts, setzte sich darauf und fort ging es mit Tempo 30 – 35 km/h. Er zündete sich eine Zigarre an und fuhr in schärfstem und langsamstem Tempo, je wie gewünscht.

Dann kam ein Radrennfahrer dazu, der 3 Runden mithielt und dann erschöpft aufgab und sagte: Mit dem Teufelsding fahre wer will um die Wette, das hält ja kein Mensch aus“.

Von den Anwesenden stiegen dann 3 oder 4 Herren auf und fuhren ohne vorherige Übung mit der größten Sicherheit und waren entzückt!

Hildebrandt teilte mit, daß der  Zweiradmotor mit einmaliger (Tank-)Füllung eine Strecke von 200 km zurückegen kann. Das Gewicht des Motorzweirades betrug 40 kg. Sämtliche Anwesende waren perplex über die großartige Leistung dieser Erfindung und über deren Tragweite, die noch nicht vorauszusehen ist.

Den Preis legte Hildebrand zunächst auf 800 Mark fest.

Für das amerikanische Patent wurde ihm 500.000 Dollar und für das englische Patent 500.000 Pfd.Sterl. geboten.

 

*Anm. Dieses Modell ist ausgestellt im Deutsches Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm.

 

Hildebrand und Wolfmüller

Radrennbahn Magdeburg an der Berliner Chaussee als Motorradrennstrecke

Stellvertretend für Magdeburg auf diesem Bild die Verhältnisse in Brandenburg. Die Sportler des erfolgreichen RV Brandenburger Rennfahrer von 1910 stellen sich beim Gruppenfoto fast ehrfurchtsvoll hinter zwei frisch erworbene Motorräder zweier Sportkamera

Das Motorrad wird neues Status-Symbol:

In den 20er Jahren des 20. Jh. wurde das "Sensationsangebot" im Rahmen der Radsportveranstaltungen durch "Motorradrennen" zusätzlich erwei-tert. Schon auf der Bahn im Sportpark Brandenburg an der Havel begann man wenige Jahre nach  seiner Eröffnung im Anschluss an die Steherrennen ein sogenanntes "Vergleichsfahren, Testfahren oder Zuverlässigkeitsfahren" der besten Schrittmacher (Motoren) abzuhalten. Waren die Schrittmacher bis dahin "beim Spielen am Gashahn" immer durch die Leistungskraft der von ihnen im Windschatten "gezogenen" Radrennfahrer  limitiert, konnten sie in diesen, zunächst nur als Zugabe gedachten Veranstaltungen, ohne "lästiges Anhängsel", nun ihrem "Affen richtig Zucker geben"! Die Motorhersteller sahen das natürlich gern, hatten sie doch ohne den Bau von Übungsstrecken mit eigenem Geld die beste Testung ihrer Fabrikate vor den Kunden von Morgen. Und eines schien klar, dass viele dieser jubelnden jungen Männer  den lästigen Umweg über die Fortbewegung eines schicken Zweirades durch mühsame Muskelkraft und lästiges Training derselben erst gar nicht mehr ausprobieren wollten.      

Das war der eigentliche Beginn vom Niedergang des Radsportes und auch des Radfahrens als Massen-bewegung, der sich bis Ende des 20. Jahrhunderts fortsetzte.

Die Entwicklung wurde in immer mehr verschiedene Varianten von "Motormaschinen" auf zwei Rädern gesteckt: Leichte bis schwere Motorräder, Fahrradhilfsmotoren, Mopeds, Motorroller usw.  Bis dann die Autoentwicklung volle Fahrt aufnahm, nicht zuletzt durch den technologischen Schub in den beiden Weltkriegen, und den "Zweirädern" Konkurrenz machte.                                                                                                                                                 Der Traum eines Jugendlichen war nicht mehr das Fahrrad, sondern ein Motorrad später sogar ein Auto. Alle diese Entwicklungen bewirkten, dass der Radsport zu einer eher "Nieschensportart" zurückgestutzt wurde. Man konnte sich von A nach B plötzlich mühelos und viel schneller fortbewegen, als man es  mit Beinkraft je hätte tun können! Die Gesellschaft teilt sich auch bald in diejenigen, welche sich ein schnittiges Motorrad oder imposantes Auto  und die jene, die sich eben nur ein "klappriges" Fahrrad leisten konnten.

Erst eine Bewusstseinsänderung und die "schon alte, jetzt wieder neue Erkenntnis", dass das Radfahren ausge-sprochen gesundheitsfördernd ist, hat dem Radfahren in den vergangenen 30 Jahren wieder  eine gewisse Renaissance   beschert.     

 

Nachfolgend ein paar Abschriften von Rennberichten  auf der Radrennbahn Magdeburg aus dem Jahre 1924. Einige  Magdeburger Spitzenradsportler  vergangener Jahre hatten da bereits den "Sattel" gewechselt!